Vortrag von Professor Doktor Hans Wocken

Bild von dem Vortrag mit Herrn Prof. Dr. Hans Wocken, Martina Buchschuster, Beate Probst und Jürgen Stippler

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Teil 1
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Teil 2

Noch nicht geschnitten!

 

Bei der Inklusion sind Alle willkommen
Integration und Inklusion ist in aller Munde. Aber wodurch unterscheidet sich Integration von Inklusion? Das Bildungssystem in der Bundesrepublick Deutschland hat es sich zum Ziel gemacht, allen Kindern und Jugendlichen gemeinsames Lernen zu ermöglichen. Aber wie sieht inklusiver Unterricht aus, welche Bedingungen müssen dafür geschaffen werden und inwieweit profitieren alle Kinder und Jugendliche vom Prinzip der Inklusion? Zu diesen und weiteren Fragen hat der Verein „Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen Donauwörth e.V. Herrn Professor Dr. Hans Wocken, emeritierter Professor für Lernbehindertenpädagogik und Integrationspädagogik der Universität Hamburg und selbst 28 Jahre als Sonderpädagoge tätig, zu einem Vortrag ins Posthotel Traube in Donauwörth eingeladen. Zu Beginn seiner Ausführungen verwies Prof. Dr. Wocken auf ein Rundfunk-Interview mit einem Rektor einer Bayerischen Schule zum Thema Inklusion. Dieser sagte: .. wir suchen uns die Kinder aus .. , ..die dem normalen Niveau folgen können.. und die zur Klassenfrequenz und Klassenkomposition passen. Das sind gravierende Missverständnisse. Inklusion stellt nicht mehr die Frage wie muss ein Kind sein, damit es an unsere Schule darf, sondern wie müssen wir Schule machen, damit hier jedes Kind sein darf. Warum überhaupt Inklusion? Inklusion ist ein Gebot der Chancengerechtigkeit. Im Grundgesetz Art. 7, 4 heißt es: Das Recht zur Errichtung von Schulen wird gewährleistet, wenn dadurch eine … Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird. Zum anderen ist Inklusion ein förderliches Entwicklungsmilieu. Er zitierte den Schweizer Pädagogen Heinrich Pestalozzi aus seinem Stanser Brief (1799): Die Menge der Ungleichheit der Kinder erleichterte meinen Gang. So wie das ältere und fähigere Geschwister unter dem Auge der Mutter den kleineren Geschwistern alles leicht zeigt, was es kann, und sich froh und groß fühlt, wenn es also die Mutterstelle vertritt, so freuten sich meine Kinder, das, was sie konnten, anderen zu lehren. Sie lernten gedoppelt, indem sie selbst vormachten und andere nachsprechen machten. So hatte ich schnell unter den Kindern selbst Gehülfen und Mitarbeiter, die brauchbarer waren als angestellte Lehrer. Er verwies weiterhin darauf, dass Inklusion eine völkerrechtlich verbindliche Aufgabe der Staaten ist, die die UN-Menschenrechtskonvention ratifiziert haben, dazu zählt die Bundesrepublik Deutschland. Im Art. 24 steht: Die Vertragsstaaten stellen sicher, dass Menschen mit Behinderung nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden. Prof. Wocken räumte auch das Vorurteil aus, dass Inklusion nur Behinderte betrifft; es geht um Alle, ohne Ausnahme. Inklusion ist ein einklagbares Recht zur Teilnahme an der Gesellschaft und damit auch am schulischen Unterricht. Es besteht somit keine Verpflichtung zum Besuch einer Fördereinrichtung, jedoch die Möglichkeit. Bei der Inklusion ist die Schule gefordert sich an den Lebenslagen und unterschiedlichen Bedürfnissen der Kinder zu orientieren und entsprechend anzupassen. So muss beispielsweise die notwendige materielle Ausstattung und Unterstützung verfügbar sein, um alle Kinder, mit und ohne Behinderung ihren individuellen Möglichkeiten entsprechend zu fördern. Inklusive Schule ist ein Haus der Vielfalt. Die Schule passt sich den Kindern an. Jeder ist etwas Besonderes, Einzigartiges. Inklusiver Unterricht ist durch drei Momente gekennzeichnet: die Vielfalt der Kinder, die Vielfalt des Unterrichts und nicht zuletzt die Vielfalt der Pädagogen. Ein Lehrer als Einzelkämpfer kann eine inklusive Unterrichtung einer heterogenen Lerngruppe nicht leisten. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: Für die Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf. Ein Unterstützungsnetzwerk aus Integrationshelfern, Sonderpädagogen, aber auch Eltern, Verbänden und Vereinen ist wichtig. Inklusion zeichnet sich nicht nur durch die Heterogenität der Schüler, sondern auch durch eine rege Kooperation unter den Pädagogen und die Einbindung in soziale Netzwerke aus. Pädagogen müssen auf zwei Ebenen neue Kompetenzen erlernen: Zum einen brauchen sie eine positive Einstellung zur Gemeinsamkeit von Kindern. Zum anderen sind vielfältige fachliche Kompetenzen nötig, wie beispielsweise neue Unterrichtskonzepte und differenzierende Methoden. Die wichtigste reformbegleitende Maßnahme ist daher die Fortbildung der Pädagogen. Die Vorteile einer inklusiven Schule erfasst alle Schüler. Sie sind sowohl fachlicher als auch sozialer Natur. Fachlich lernen die Schüler mindestens genauso viel. Sie vertiefen das Erlernte zudem noch viel mehr, wenn sie es wiederum anderen Mitschülern erklären. Erklären macht schlau. Auch sozial profitieren die Kinder. Es ist ein deutlicher Zugewinn an Kompetenz im Umgang miteinander erkennbar. Die Kinder, die inklusiven Unterricht besuchen, können sich viel besser in die Welt und Gefühlslage anderer hineinversetzen. Wenn man Kinder, die anders sind als man selbst, nicht begegnet, kann man das nicht lernen. Der Aufbau eines inklusiven Schulsystems ist eine große Herausforderung. Ein neues System kann nicht von heute auf morgen installiert werden. Auf der home-page des Bayer. Kultusministeriums ist zu lesen: „Bildung muss immer beim einzelnen Kind anfangen. Die strategische Formel unserer Bildungspolitik lautet: Individuelle Förderung statt Einheitsschule“ Prof. Wocken betont, dass die inklusive Schule ein Haus der Vielfalt ist, nicht mehr Frontalunterricht. Inklusive Schule ist keine Gleichmacherschule, die für alle Kinder das Gleiche anbietet. Wenn der Bayer. Kultusminister betont, wir setzen in Bayern auf Vielfalt und nicht auf Einheitsschule, so meint der Kultusminister die Vielfalt der unterschiedlichen Schulformen, aber nicht die Vielfalt innerhalb der Schule und des Klassenzimmers. Nicht für alle Kinder das Gleiche – alle Kinder machen zur gleichen Zeit Verschiedenes. Die Inklusion ist bisher an den behinderten Kindern vorbeigegangen, so Prof. Wocken. Wenn man sich ansieht, wie viele Kinder sind in Sonderschulen, so waren es im Jahr 2008 in Deutschland und auch in Bayern 5 % der schulpflichtigen Kinder. Diese Zahl ist im Jahr 2014 nahezu gleichgeblieben. Laut offizielle Statistik hat sich jedoch die Inklusionsquote in Bayern fast verdoppelt. Diese Zahlen der positiven Inklusionsentwicklung sind lt. Prof. Wocken jedoch ein großer Schwindel, weil in den letzten Jahren ganz offensichtlich schon bei geringeren Schwierigkeiten der Schüler schneller ein sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert wurde. Die gut besuchte Vortragsveranstaltung löste viel Nachdenklichkeit aus.