Zeitungsartikel

Donauwörther Zeitung vom 07.05.2016

Artikel:
„Hürden abbauen fängt im Kopft an“

Aktionstag
Behinderte Menschen sind weithin angenommener als in früheren Zeiten. Doch von Gleichberechtigung kann noch keine Rede sein. Eine Bestandsaufnahme in Donauwörth.

von Thomas Hilgendorf
Donauwörth
Worte sagen manchmal doch weniger als die direkte Erfahrung. Die Erfahrung etwa, vor einem Laden in der Donauwörther Reichsstraße zu stehen und dort nicht hineinzukommen. Weil es ganz einfach nicht geht. Die Situation von behinderten Menschen ist für viele in der Gesellschaft erst dann ein Thema, wenn sie selbst am eigenen Leibe nachfühlen müssen, welche Schranken und Hürden noch immer existieren und in unseren Städten und Dörfern, im alltäglichen Zusammenleben an sich und in den Köpfen. Deshalb hat das Behindertenwerk St. Johannes nun einen Aktionstag initiiert – um ins Gespräch zu kommen, allerdings nicht nur das: Es ging neben dem Kennenlernen von Behinderten und Nichtbehinderten um ganz konkrete Verbesserungen vor Ort in Donauwörth. Ein Thema lag dabei allen am Herzen.

Margot Arbter sitzt im Rollstuhl. Unglücklich wirkt sie deshalb nicht, wenngleich es aus ihrer Sicht noch viel zu tun gibt in Sachen Gleichberechtigung. Hier in der vormaligen Kleiderkammer der Bundeswehr in der Zirgesheimer Straße findet sie beim Aktionstag von St. Johannes das vor, was anderenorts noch fehlt: viele helfende Hände und auch technische Hilfsmittel, welche die Bewegungen von A nach B erleichtern. Oft handelt es sich dabei um scheinbare Einfachheiten wie jene Holzrampe zum Podium, auf dem sie über ihre Erfahrungen als Mensch mit Behinderungen sprechen soll. Die Gesten und Hilfen der Menschen, die technischen Errungenschaften dazu, all das kann ein Segen sein. Doch dies sei ausbaufähig, wie Arbter den rund 160 Schülern der Donauwörther Schulen und den Mitarbeitern von St. Johannes berichtet.

Manchmal müsse sie vor den eingangs erwähnten Läden schlicht warten und laut rufen, weil schon kleine Treppenstufen unüberwindbar sein können. Ganz unterschiedliche Erfahrungen habe sie dann gemacht: von direkter mitfühlender Hilfe über Nicht-gehört-Werden bis hin zu vermeindlicher Ignoranz. Sensibler werden solle die Gesellschaft gegenüber denen, die eine Behinderung haben – und sie endlich als normale Mitmenschen annehmen. Denn schließlich sei es doch nachvollziehbar, dass Menschen nicht nur ein bisschen am Leben teilnehmen, sondern ein akzeptierter Teil der Gemeinschaft sein wollen, in den Städten und Dörfern, Vereinen und Firmen.

Zwei Schülerinnen des Gymnasiums sitzen mit Margot Arbter, Landrat Stefan Rößle, Oberbürgermeister Amrin Neudert, Bezirksrat Peter Schiele und sogar mit Bayerns Behindertenbeauftragter Irmgard Badura auf dem Podium vor den Schülern. Die beiden sprechen von einer recht komfortablen Situation ihrer Schule als weitläufigem Neubau. Einpositives Beispiel ist das. Hier sei an die Belange der Behinderten gedacht worden. Landrat Rößle erklärt, das eine behindertengerechte Bauweise bei Neubauten und Sanierungen öffentlicher Gebäude immer zu beachten sei. Doch klar – bei älteren Häusern gebe es in der Tat Probleme. Aber gerade deshalb habe man ein offenes Ohr für die Belange der Behinderten, der eigens damit Beauftragte im Landratsamt ist Achim Frank. Er sei Ansprechpartner bei Sorgen und Fragen. Ferner sei der Bezirk Schwaben in Augsburg zuständig für viele Finazierungen, auch für die 5300 Menschen in den beschützenden Werkstätten Schwabens. Wieder ein Signal: Es gibt eine Infrastruktur, es gibt Ansprechpartner, es gibt Menschen, die sich kümmern. Wenngleich noch an vielem gearbeitet werden muss.

Sodann sprechen einige teilnehmende Schüler und Lehrer aus dem Publikum das ganz praktische „Hauptsorgenkind“ in Donauwörth an: den Bahnhof. Dass jenes so zentrale Gebäude für die Mobilität im Landkreis nicht nur für Behinderte schier unzugänglich ist, sonder auch für Mütter und Väter mit Babys und Kinderwagen sowie für viele Senioren, das erzeugte im Publikum nurmehr Kopfschütteln. Landrat Rößle und OB Neudert verwiesen trotz nachhaltiger Bemühungen der Politik auf die Verantwortung der Bahn als Eigentümerin. Doch Neudert und Rößle konnten nun die ersten anberaumten Termine für den Umbau nennen: Demnach soll ab 2018 jedes Jahr ein Gleis umgebaut werden, sodass man 2020 fertig sein wolle in Donauwörth.

Aus den Schüler-Arbeitsgruppen wurden viele Wünsche geäußert, die mithin nicht unrealistisch klangen: mehr behindertengerechte WCs in der Stadt, größere Barrierefreiheit in den hiesigen Schulen, ein ÖPNV-Sozialticket für Bedürftige an sich. Für Letzteres gebe es durchaus Optionen, so Behindertenbeauftragte Badura. Überhaupt gebe es Musterkommunen in Bayern wie etwa Regensburg, die sich dem Thema beherzt widmeten. Die Politiker nahmen das auf, wenngleich sie nicht immer verbindliche Versprechungen geben konnte. Vieles in Sachen „Angenommen werden“ müsse ohnehin von den Menschen selbst kommen – und zwar von allen, wie Margot Arbter bilanzierte: „Die Hauptbarrieren existierten in unseren Köpfen. Auch Vorurteile sind verständlich, wenn man sich nicht wirklich kennt.“ Deshalb müssten alle angstfrei aufeinander zu gehen. Das könne klappen, sogar barrierefrei – wenn man es denn wirklich wollte.

Kommentar
von Thomas Hilgendorf
Aktionstag Behinderte

Das Wohl im Zentrum
Wer bitte möchte in unserem Land behinderte Menschen nicht unterstützen? Das sind hoffentlich die wenigsten. Klar, es gibt wahrascheinlich einige Abgestumpfte, die Menschen mit Behinderungen noch scheel ansehen. Doch das dürfte Gott sei Dank nicht die Breite Masse sein. Wie man Behinderten weitestgehend eine gleichberechtigte Teilhabe in der Praxis ermöglicht, dafür gibt es kein Patentrezept.

Es ist zunächst wichtig, dass man sich in der Gesellschaft über das Ziel zumindest weitgehend einig ist – und das lautet ganz lapidar erst einmal: mehr Gerechtigkeit für alle. Doch hierfür gibt es eben nicht nur ein Programm. „Inklusion“, das klingt in vielen Bereichen erst mal gut, doch jene Agenda ist nicht das Allheilmittel, unter dessen Banner alles zu stehen hat. Unter dem Begriff der Inklusion ist leider oftmals eine eher politisch gefärbte Haltung zu verstehen. Dabei ist das Thema an sich eines, das auch abseits des politischen Wettstreits mehr als wichtig wäre.

Es ist äußerst wünschenswert, dass behinderte Menschen gleichberechtigt und voll integriert leben können, auch in den Schulen und am Arbeitsplatz. Doch es ist ebenfalls zu beachten, dass leider jene mitunter völlig zu unrecht geschmähten speziellen Fördereinrichtungen durchaus ihre Existenzberechtigung haben. Denn nicht immer ist es auch im Sinne jedes behinderten Menschen, eine beschützte und beschützende Einrichtung zu verlassen, zumal die Welt des sogenannten „ersten Arbeitsmarktes“ leider oft knallhart, unfair und manchmal auch zutiefst unmenschlich ist. Es kommt eben – wie so oft und fast immer – auf die Lage und das Wohl des einzelnen Menschen an. Letzteres ist ausschlaggebend.

Dass man Behinderte nicht mehr „abschiebt“ oder „versteckt“, wie es in früheren Zeiten leider all zu oft der Fall war, darüber ist man sich hoffentlich mittlerweile einig. Doch deshalb schier komplett besondere Werkstätten oder wichtige Förderzentren infrage zu stellen, wie es mitunter in der hitzigen Debatte geschieht, das wäre wohl kaum der richtige Weg. Jeder Mensch ist anders, jeder ist besonders – und vor allem sollte sich jeder, auch das darf gesagt werden, als ein wertvolles Geschöpf Gottes fühlen dürfen. Danach sollte man sich richten.

Die Barrieren fallen, wenn man sich begegnet, wenn man das Herz öffnet. Diese Begegnungen müssen öfter stattfinden. Die katholische Stiftung St. Johannes organisiert so etwas vorbildlich. Freilich sollte Menschen mit Behinderungen auf dem „regulären“ Arbeitsmarkt öfter eine echte Chance gegeben werden. „Erzwingen“ lässt sich Mitmenschlichkeit allerdings kaum.

Das will heißen: Weniger politische Ideologie, aber mehr mutige und tapfere Herzen täten der Thematik gut und besser. Die Politik ist das eine, sie ist in der Tat wichtig für Recht und Ordnung. Aber das ist nun mal längst nicht alles.